Heute aber soll es um Nico gehen. Auch ein Münsterländer, der Nachfolger von Maiko.
Heute fast 5 Jahre alt, macht der Hund mich streckenweise echt fertig. Er bringt mich soweit, daß ich regelrecht an meiner Hundelebenserfahrung zweifle. Der Reihe nach ...
Die Besitzer kauften also Nico und führten uns den Kleinen vor. Bis dahin ein normaler kleiner Hund, der neugierig frech vorsichtig durch die Wohnung tappte. So sollte es leider nicht bleiben ...
Vorneweg genommen – es gab verschiedene Stimmen der Vermutung, daß die Aufzucht nicht ganz so „optimal“ gewesen sein muß. Denn in späteren Zeiten entwickelte der Hund Ängste auf alles und später jeden, ohne das irgendwann mal etwas passiert wäre.
Eine Mülltonne – Theater, auch nur in diese Richtung zu gehen. Eine Tüte im Wind – 1000 Teufel. Roller – das Grauen pur. Überhaupt alles, was nicht im Garten wie daheim vorkommt, war bezitternswert. Zum Einsatz kamen Betütteln, Ignorieren, schärfer angehen zwecks Ablenkung und zu letzt Hundetrainer der psychologischen Bauart. Unter deren Trainingsfuchtel besserte es sich etwas, aber ...
In den Jahren kam er immer wieder zu uns zu Besuch; also, wenn Herrchen und Frauchen weg wollten oder mussten; dank eines gewissen Pechs des Herrchens, was sich in vielen Krankenhausaufenthalten wiederspiegelte, war das relativ oft der Fall.
Und das war dann der Zeitabschnitt, wo ich an meinem Hundeverstand immer mehr zu zweifeln anfing. Hey, ich bin mit Hunden nonstop groß geworden, und hier gewann ich immer mehr den Eindruck, so überhaupt nichts von Hunden zu verstehen.
Dies schlug sich dann auch in meinem Verhalten nieder, welches wohl nicht immer fehlerfrei war. Tröstlicherweise kann ich wohl dennoch sagen, daß sich dadurch nichts verschlimmert hat.
Am Beispiel Mülltonne, an die er sich dann auch endlich mal gewöhnte (und das nicht nach Wochen, sondern eher Monate und Jahre), sah das etwa so aus: so tun, als sei nichts und den Hund nötigenfalls mit sanfter Gewalt einfach mit vorbeiziehen. Oder strenger Ton und im „bei Fuß“ vorbei – was besser klappte.
Ablenken hat nie funktioniert; Leckerchen und ablenken nach diversen „rütterschen“ Methoden – klappt bei dem nicht. Das Gegenteil leider auch nicht – also mit ihm zur Tonne hin, beruhigend reden und sie ihm zeigen wollen, denn was er da tut, tut er dann bei allem und immer: er guckt in der Gegend rum, aber nicht ums Verrecken wirft er nur einen Blick auf die Tonne. Tonne steht hier für alles mögliche, auch Leute, zu denen er eine größer werdende Angst entwickelt hat.
Ich wohne in Koblenz – wo die dicke Bombenevakuierung war; die Leute boten uns ihr Haus als Aufenthalt an. Mit Hund, denn der war zu der Zeit auch hier, da die beiden in Urlaub waren. Hier fiel mir ein verändertes Verhalten auf, was noch stärker auftritt, wenn die Besitzer ihn bringen oder holen: er war frech, spielte, war aufmüpfig und der Held in persona.
Ja, Held sein, das tat er auch hier in der Wohnung; sobald ein Piep vor der Tür war, ging das mutige Gebaule los; Tür auf, musste er nach vorne, um gleich den Rückzug anzutreten. Zu Hause – weiß ich es nicht.
Seltsamerweise – zu Hause, mit seinen Leuten, hatte er bei allen Ängsten, die er hat, wenn er von zu Hause weg muß, spazieren gehen etc., den Spleen gehabt, ab und zu aus dem Garten abzuhauen und die Gegend zu erkunden, mit des Nachbars Hühnern spielen usw. – und das ganz ohne Angst. So berichten die Besitzer. Mir ist er auch mal abgehauen, aber da er fremd war, konnte ich ihm nachfahren, Heckklappe auf, Hopp, drin war er.
Alles so ein indifferenter Mischmasch. Und zu der Zeit, Alter 2-3,5 Jahre, war er auch recht frech, was den Gehorsam anging; kurz mal exerziert, und dann gings.
Durch das häufiger werdende Weglaufen und Nichthören kamen dann die Besitzer drauf, ihn kastrieren zu lassen. Vorher sollte per Chip getestet werden, ob es was bringt. Unabhängig vom Ergebnis ist die Kastration vom Tisch, obwohl ich, trotz der üblen Optik, die er dadurch bekam, fast diese wieder empfehlen würde, weil ... kommt jezz.
Er bekam also den Chip, und nach einer Weile wurde er tatsächlich ruhiger. Er lief nicht mehr weg, und die Angst war fast ganz weg. Ich dachte: „ENDLICH“ ein normaler Hund, der einen nicht mitunter mit seinem Angstgehabe zur Weißglut treibt. Ich stand wirklich mehr als einmal kurz vor der Kernschmelze ...
Im Gegenzug für einen scheinbar stabilen Hund wurde er etwas rundlicher, sein Fell an den Spitzen stumpf und struppig. Aus einem wirklich schönen Hund wurde ein „naja nett“-Hund, was die Optik anging.
Tja, der Chip kam und ging, die Wirkung ließ nach. Und am Ende er Re-Angstphase war es noch schlimmer. Panik, wenn Leute auch nur in seine Nähe kommen, bleibe ich stehen und spreche mit einem, wird angestrengt überall hin geguckt, nur nicht auf den Fremden. Kommt der und spricht mit ihm ... einmal wäre er mir beinahe rückwärts unters Auto gekrabbelt.
Tonnen sind nicht mehr das Problem, aber, was ich eben vergessen hatte, die Empfindlichkeit gegen Geräusche war maximiert. Ein Knallen oder Rollladenziehen früher wurde ergänzt durch Angst vor ... einem Mäusefurz 3 Kilometer weiter weg, um es mal überspitzt auszudrücken. Die Waldstrecke ist zu 50% gangbar, und ich kann einfach nicht erkennen, wo der Unterschied zwischen einem erfolgreichen und erfolglosen Waldspaziergang ist.
Die alternative Strecke, hinter einer Tankstelle her (die er immer noch wert findet, den Ultraschnellschritt einzulegen), die ins Grüne führt, seit einiger Zeit in der 2. Hälfte nicht mehr gangbar - seit er dort einen Mann im Nebel hat verschwinden sehn, der etwas wie Quasimodo einen Hampelgang hatte – und mindestens 30 Meter vor uns war!
Autofahren – hat er immer gerne gemacht. Zur Bombenzeit musste ja alles aufeinanderkommen; meine Mutter kam ins Krankenhaus, also fuhr ich täglich hin zu Besuch. Hund musste im Auto warten. Entweder er legte sich hin und döste, oder er saß da und schaute, wann ich kam. Und immer brachte ich n Leckerchen mit. Naja, das Auto gefiel ihm nicht, die Situation nicht, und er entwickelte die Macke, nicht mehr mit Gassi gehen zu wollen. Ich vermute mal, er dachte: och, jezz wieder autofahren und warten müssen.
Nur – das behielt er bei, auch als das Auto verkauft und meine Mutter längst wieder daheim war. Auch als er abgeholt wurde, wollte er erst gar nicht mit.
Das ist die Lage heute. Angst schlimmer als vor dem Chip, was mich zu der Empfehlung verleiten würde, wieder einen Chip (oder die Dauerlösung) zu empfehlen. Dazu den Eindruck, von Hunden nichts mehr zu verstehen (oder gar nie verstanden zu haben, was für mich schlimm ist).
Und: wir schauen uns immer die Sendungen mit Martin Rütter an, und es erstaunt mich immer wieder, wie man die Hunde austricksen kann. Wo mir auch wieder das Verständnis fehlt: wenn der Hund merkt, er kommt nicht weiter, und ich falsch reagiere, und er weiß, was er soll, warum zum Teufel tut er‘s nicht und muß ausgetrickst werden?
Ich sehe aber auch, daß bisher keine der rütterschen Methoden auf Nico anwendbar wäre.
Dazu ist er viel zu sehr in seinem „Wahn“ gefangen, um auf Dinge wie Leckerli-Ablenkung, Spiel-Ablenkung etc. zu reagieren.
Kurz gesagt – es ist ein lieber Kerl, ich hab ihn gerne, aber irgendwo macht er mich fertig.
Schuld ist hauptsächlich sein unterschiedliches Verhalten auf gleiche Geschehnisse.
Hier wird ab und zu geschossen (Schützenverein), was sich anhört, als fallen Bretter auf den Boden. Da zuckt er zusammen. Wird im TV geballert ohne Ende – nichts. Als ob er wüsste: ach, nur TV, egal. Ok, das kann sogar sein.
Ich sehe den Hund als große Baustelle. Ich kann da nichts viel tun, denn dazu ist er zu kurz hier. Ich hätte nichts dagegen, Sachen zu versuchen, aber wie gesagt, die Zeit reicht nicht – und die Besitzer haben auch schon einiges versucht. Und jetzt haben sie einfach nicht die Zeit für aufwändige Schadensbehebung, was auch daran liegen mag, daß er sich zu Hause erstens nicht so krass benimmt und zweitens gar nicht so mit der Umwelt konfrontiert wird, wie es hier so kommt.
Zuletzt: als er als Erwachsener zu uns kam, musste er sich an alles gewöhnen; Gegend, Leute, Mülltonnen, diese elenden Gärtner mit ihren Lärmgeräten (ok, da hat er sich nie dran gewöhnt). Und eines Tages ging es dann.
Dann zogen wir um; gleicher Stadtteil, nur andere Straße. Und alles war wie resetted; Leute schlimm, Gegend schlimm, Mülltonnen schlimm.
Wenn einer n Tip hat, n Trick etc. immer her damit, denn ich raff‘s einfach nimmer ... und es wäre nicht nur für mich/uns schöner, sondern auch für den Hund, wenn er nicht überall Teufel, Monster und Bestien sehen würde .... und hören.
(Ich habe echt schon mal den Verdacht gehabt: der sieht Stimmen und hört Geister ...)
Das kann man meines ERmessens nicht. Weil das eine viel zu komplexe Geschichte ist. Ich würde Dir nicht Rütter den Hunde-Comedian empfehlen sondern einen ernsthafteren: Michael Grewe oder auch Nadine Matthews. Diese könntest Du Deinen Bekannten als Trainer vorschlagen - ich halte in so einem Fall nix von Hokuspokus durch einen "Psychocoach für den Hund"
Ein Hund in seiner Angst gefangen, schrecklich.