»Guten Tag, Großvater!« rief der kleine Kater und sprang neben den Alten auf die Mauer.
Ronnie öffnete seine Augen und sah seinen Enkel etwas mürrisch an.
»Ich halte gerade meinen Mittagsschlaf. Was willst du?«
»Erzähle mir bitte eine Geschichte!«, bettelte der kleine Kater.
Ronnie setzte sich gemächlich auf und begann eifrig seine linke Vorderpfote zu putzen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich wieder seinem Enkel zuwandte.
»Vielleicht sollte ich dir lieber erzählen, wie sich ein richtiger Kater benimmt - besonders seinen Menschen gegenüber.«
»Warum?«, fragte der Kleine und sah seinen Großvater mit großen runden Kulleraugen an.
Ronnie warf dem kleinen Kater einen spöttischen Blick zu. »Ja, willst du denn alles tun, was ein Mensch von dir verlangt? Du bist eine Katze! Und Katzen tun nur das, was ihnen gefällt. Niemals das, was ein Mensch von ihnen erwartet. Menschen sind nur dazu da, um uns die Dosen zu öffnen, uns rein und raus zu lassen, wann immer wir es wünschen, uns hin und wieder den Pelz zu kraulen und uns das Leben zu verschönern.« Ronnie rollte sich auf die Seite.
»Aber ich spiele gerne mit meinem Besitzer«, stammelte der Kleine.
Ronnie sprang wie von einer Hornisse gestochen auf. »Deinem was? Besitzer? Bist du nicht mehr ganz bei Trost? Er gehört DIR, nicht umgekehrt! Hat dir deine Mutter denn nicht mal die einfachsten Regeln beigebracht?«, fauchte Ronnie empört.
Der kleine Kater zuckte erschrocken zusammen.
Ronnie rollte sich auf die Seite und räkelte sich genüßlich. »Wie dem auch sei ... Die wichtigste Katzenregel heißt: Gehorche deinem Menschen niemals! Wenn du es doch tust, dann nur, weil du gerade zufällig Lust dazu hast, oder weil es dir einen persönlichen Nutzen bringt.
Selbstverständlich darfst du es nicht übertreiben, sonst behandelt er dich womöglich schlecht und du mußt einige Tage fortbleiben. So lange, bis er sich Sorgen macht und nach dir sucht. Dann kannst wieder nach Hause zurückkehren. Meistens ist der Mensch dann überaus freundlich.« Ronnie machte eine kurze Pause um nachzudenken.
»Mir persönlich macht es immer besonderen Spaß, meine Menschen zu tyrannisieren. Schließlich gehören sie mir und ich kann mit ihnen machen, was ich will«, fuhr er fort.
»Es gibt zum Beispiel nichts schöneres, als sie beim Fernsehen zu stören.« Ronnie streckte genüßlich seine Glieder.
»Was ist Fernsehen, Großvater?«, wollte der kleine Kater wissen.
»Fernsehen, mein Kleiner, nennen es die Menschen, wenn sie vor einem flimmernden Kasten mit bunten Bildern sitzen.« Ronnie sprang plötzlich auf und begann sein Fell erst strubbelig und anschließend wieder glatt zu lecken. Erst als er mit seinem Fell zufrieden war, erzählte er weiter.
»Wenn meine Menschen vor diesem Fernseher sitzen und ich hier draußen meine Runde gedreht habe, setze ich mich vor die Terrassentür und kratze mit meiner Pfote an der Scheibe. Daraufhin springt einer meiner Menschen immer auf, um mich in die Wohnung zu lassen - als ob ich durch die Terrassentür gehen würde. Ich drehe mich also um und wandere dann zur Haustür, wo mein Mensch schon auf mich wartet. Natürlich gehe ich nicht rein - schließlich will ich meine Menschen ja beim Fernsehen stören. Mein Mensch meckert dann, macht die Tür zu und setzt sich wieder vor seinem Fernseher. Ich warte einen kurzen Moment und das ganze Spiel beginnt von vorn. Dabei wird ein Mensch immer wütender und schimpft schrecklich. Das ist jedesmal sehr amüsant. Natürlich darf man dieses Spiel nicht übertreiben, sonst wird der Mensch ungehalten und spielt nicht mehr mit. Man sollte irgendwann hineingehen und lautstark das Öffnen einer Dose einfordern.«
»Dein Mensch macht dir Abends noch eine neue Dose auf?«, fragte der kleine Kater erstaunt.
Ronnie stierte den Kleinen mit seinen hypnotisierenden Augen an. »Willst du etwa behaupten, dass du die Reste vom Mittagessen abends noch isst?«
»Natürlich«, antwortete der Kleinen.
Ronnie seufzte mitleidig. »Wenn ein Essen älter als eine Stunde ist, schmeckt es nicht mehr so gut wie frisch aus der Dose. Du rümpfst also deine Nase und forderst lautstark frisches Essen. Laß dich bloß nicht irreführen, wenn dein Mensch es umrührt, um dich zum essen zu bewegen. Wenn du lange genug schreist, gibt er dir auch etwas frisches. Ich persönlich entscheide schon an der Küchentür, ob mir mein Essen schmeckt oder nicht.«
Der kleine Kater sah seinen Großvater skeptisch an. Aber der war schon sehr alt und wußte wahrscheinlich besser, wie man mit den Menschen umzugehen hatte.
»Aber wenn ich immer so böse bin, dann hat mich mein Mensch doch gar nicht mehr lieb«, wimmerte der kleine Enkel.
»Was heißt hier böse? So sind wir Katzen nun einmal. Dein Mensch hat vorher gewußt, worauf er sich einläßt. Glaub es mir. Natürlich gelten diese Lebensregeln nur in einem gewissen Rahmen. Wenn deine Menschen zu ungehalten werden, bist du einfach ein bißchen freundlich. Dann dürfen sie dich kurz auf den Arm nehmen und dein Fell streichen. Dann schnurrst du laut und darüber freuen sich die Menschen dann immer und verzeihen dir alles. Wenn du dann auch noch hinter ihrem albernen Band hinterher springst, tun sie wieder alles für dich. Menschen wollen so behandelt werden - sie erwarten das einfach von einer Katze.« Ronnie setzte sich auf und blickte sich um. »Ich werde mich jetzt auf das Auto von meinem Menschen setzen. Komm‘ doch einfach mit.«
Der alte Kater sprang von der Mauer und spazierte zu dem schwarzen Wagen, der in der Auffahrt geparkt war. Der kleine Kater folgte ihm schnell.
»Ach, es gibt fast nichts schöneres, als auf sauberen Autos zu sitzen. Und es macht riesigen Spaß, schmutzige Pfotenabdrücke auf der Scheibe zu hinterlassen«, sinnierte der alte Kater.
»Wird dein Mensch da nicht schrecklich böse?« fragte der Kleinen, als er sich neben seinem Großvater auf die Motorhaube setzte.
»Das ist ja der Sinn der Sache. Meine Menschenfrau kommt dann immer und ruft: Runter von meinem Auto! oder: Verdammt! Mach, daß du da runter kommst, das Auto ist frisch gewaschen! - als ob ich mich auf ein schmutziges Auto setzten würde. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum sie sich immer so darüber aufregt. Schließlich legt sie mir ja auch jeden Tag eine saubere Tischdecke auf den Tisch, damit ich nicht auf einer dreckigen liegen muß. Manchmal legt sie auch frisch gebügelte Wäsche auf den Tisch. Die ist wunderbar weich und duftet so herrlich - da muß man sich doch einfach reinlegen. Ich verstehe gar nicht, warum sie dann immer mit mir schimpfen. Schließlich wissen sie doch, dass das mein Tisch ist.«
Plötzlich öffnete sich die Haustür und eine junge Frau blickte heraus.
»Verschwindet ihr da wohl!«, rief sie laut.
Ronnie und der kleine Kater sprangen vom Autor und die Tür schloss sich wieder.
»Sie ist weg, wir können uns wieder setzen.« Ronnie sprang erneut auf den Wagen. Der kleine Kater traute sich allerdings nicht so recht und blieb in der Auffahrt sitzen.
Ronnie blickte auf seinen Enkel herab. »Also, mein Kleiner, wenn du ein richtiger Kater werden willst, mußt du immer diese Regeln befolgen:
Niemals altes Futter fressen, wenn frisches zu kriegen ist,
niemals den Menschen gehorchen, wenn du es nicht zufällig gerade willst,
frische Wäsche und Tischdecken sofort mit Beschlag belegen und
mit schmutzigen Pfoten auf frisch gewaschene Autos springen.
Aber die allerwichtigste Regel lautet: Tu was du willst. Es sind deine Menschen!
Und nun geh‘ spielen Kleiner, ich möchte etwas schlafen.« Damit rollte sich Ronnie auf der Motorhaube zusammen und schloss die Augen.
»Darf ich morgen wiederkommen?« fragte der kleine Kater hoffnungsvoll.
Ronnie öffnete ein Auge und blinzelte ihn an. »Aber sicher.«
Der Kleine Kater jauchzte noch einmal erfreut und lief dann davon. Er hatte heute viel von seinem Großvater gelernt.




ist Miezens :rolleyes::biggrin: 










